SUCHE   
Sie befinden sich: Home / Cochlea Implantat / CI-Hearing / Gehörlos ...?

Gehörlos - Behinderung oder Kultur

Pastorin Waltraut Trappe
Pastorin Waltraut Trappe (Eisenach), Stellvertretende Vorsitzende der DAFEG

Wichtiger Ausgangspunkt im Beitrag von Frau Trappe war die Feststellung: "Jesus hat die Beziehung des Menschen zu Gott geheilt. Daraus leitet sich auch die Heilung der sozialen Beziehungen der Menschen untereinander ab". In unserer Gesellschaft aber wird der Gehörlose in erster Linie als ein Mensch mit Defiziten (Mangel) gesehen - wegen seiner Unfähigkeit zu hören, wird er als unvollkommener Mensch angesehen. Christen stellen dagegen fest: Es gibt keinen vollkommenen Menschen, jeder Mensch ist unvollkommen. Vollkommen ist allein Gott. Die Unvollkommenheit des Menschen sehen wir aber nicht als Defizit an. Im Gegenteil, wir erkennen darin die Vielfalt des menschlichen Lebens.


Ein wichtiger Punkt im Statement von Waltraut Trappe war noch die Unterscheidung von Innenansicht und Außenansicht, wenn es um das Leiden des Menschen geht. Hörende neigen dazu, das Nicht-hören-können als ein Leiden zu beurteilen. Sie gehen dabei von ihrer eigenen Erfahrung aus: Sie würden darunter leiden, wenn sie nicht hören könnten. Diese Ansicht übertragen sie von Außen auf die Gehörlosen und nehmen an, das sie auch leiden müßten. Die Innenansicht, also das was die Gehörlosen selbst empfinden, kann aber ganz anders aussehen. Viele Gehörlose empfinden das Nicht-hören-können nicht als Leiden. Wir müssen lernen das zu erkennen und zu respektieren.


Nach oben

Dr. Roland Zeh
Dr. Roland Zeh (Bad Berleburg), Arzt an der Baumrain-Klinik Bad Berleburg, Gehörlosenbereich

Dr. Zeh, der selbst ein CI trägt, hat vor allem auf den Grund des Dogmenstreits zwischen Befürwortern und Gegnern des CI hingewiesen. Er sieht diesen Grund in der Angst, die auf beiden Seiten herrscht. Auf Seiten der Befürworter des CI herrscht die Angst vor dem Anderssein der Vertreter der Gehörlosenkultur vor, die Angst vor der fremden Sprache, die man selbst nicht versteht, die Angst vor der fremden Kultur, zu der man selbst nicht gehört. Eltern wünschen sich ein Kind, das ihrer eigenen Kultur angehört, nicht einer fremden. Auf seiten der CI-Gegner hingegen herrscht die Angst vor, daß mit dem CI ihre eigene Kultur verloren geht. Das CI bedroht ihre Kultur, qualifiziert sie sogar als eine Kultur des Mangels ab.


Eine Chance auf Verständigung sieht Dr. Zeh nur, wenn die beiden Seiten näher in Kontakt kommen und sich darum bemühen, die Ängste abzubauen. Für die Gegner hieße das, die CI-Träger zu akzeptieren. Für die Befürworter würde das bedeuten, die Gehörlosenkultur anzuerkennen.


Nach oben

Prof. Klaus B. Günther
Prof. Klaus B. Günther (Hamburg), Professor für Gehörlosenpädagogik an der Universität Hamburg, Fachbereich Erziehungswissenschaft

Professor Günther stellt fest, daß Gehörlose nicht (mehr) wie auf einer Insel leben. In den letzten Jahren haben sie viel Selbstbewußtsein für sich und ihre Kultur gewonnen. Ein Zeichen für die Attraktivität der Gehörlosenkultur sieht er in der Tatsache, daß im Deutschen Gehörlosenbund mehr schwerhörige Mitglieder sind als im Deutschen Schwerhörigenbund: Viele Schwerhörige entscheiden sich bewußt für die Gehörlosen, finden dort eher eine Heimat als unter schwerhörigen.


Wäre das CI vor zwanzig Jahren so perfekt gewesen, wie es heute ist, dann hätte es unter den Gehörlosen darüber keine Diskussion gegeben, weil sie damals noch nicht ihr heutiges Selbstbewußtsein und das Selbstverständnis ihrer Kultur entwickelt hatten.


Die Diskussion um CI und Gebärdensprachkultur wird seiner Meinung nach immer noch in der Methodendogmatik des letzten Jahrhunderts geführt und ist eigentlich völlig überaltert.


Peter Donath
Peter Donath (München), Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Gehörlosen und Schwerhörigen

Für Peter Donath ist Taubheit "sicher keine wünschenswerte Eigenschaft". Für Gehörlose ist sie allerdings nur mittelbar, aus der Reaktion der Umwelt, zu erfahren. Ganz anders erleben sie Eltern von taub geborenen Kindern. Für sie ist die Taubheit ihrer Kinder zuerst einmal ein Schock.


Sprache ist für den Menschen unabdingbar. Dies wird als das Hauptproblem der Gehörlosen gesehen. Aber: Gehörlose haben eine Sprache, die Gebärdensprache. Die wird allerdings unterdrückt und schlechtgeredet.


Für Peter Donath ist der Grad der Behinderung ein Gradmesser für die Intoleranz der Hörenden. Schaut man sich das Leben in einer gehörlosen Familie an, dann sieht man es als ein Leben ohne Behinderung. Warum werden eigentlich die Betroffenen nicht gefragt, wenn es um das Thema CI und Gebärdensprache geht?


Nach oben

Ernst Dombrowski
Dipl. Psychologe Ernst Dombrowski (Siegburg), Stellvertretender Vorsitzender des Elternverbandes deutscher Gehörlosenschulen e.V.

Ernst Dombrowski fällt vor allem auf, daß es in hörenden Familien mit gehörlosen Kindern keine kommunikative Basis zwischen Eltern und Kindern gibt. Das erst führt zur Behinderung in der Familie. Die Wahrnehmung der Behinderung ändert sich, wenn die Eltern die Sprache und Kultur ihrer gehörlosen Kinder akzeptieren und daran teilhaben.


Dr. Manfred Hintermair
Dr. Manfred Hintermair (München/Heidelberg), Professor an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg

Gehörlosigkeit ist keine Behinderung per se (für sich selbst genommen). Erst in einer Welt der Hörenden werden Gehörlose zu Behinderten gemacht. Würden wir in einer Welt der Gehörlosen leben, dann wären die Hörenden vielleicht keine Behinderten, aber zumindest doch große Exoten.


Kultur ist eng mit der Sprache verbunden. Diese wiederum ist eng mit der eigenen Identität verbunden. Unterdrückung der eigenen Sprache bedeutet darum nicht nur Unterdrückung von Kultur, sondern auch Unterdrückung der eigenen Identität.


Manfred Hintermair stellt sich die Frage, warum denn die Vorteile der Zweisprachigkeit (Laut- und Gebärdensprache) nicht erkannt werden. Sprache ist eng mit dem Denken verbunden. Zwei Sprachen zu beherrschen bedeutet darum auch die Fähigkeit, auf verschiedene Arten zu denken. Die Unterdrückung der Gebärdensprache ist dagegen ein großer Fehler.


Gerhard Wolf
Gerhard Wolf (Gunzenhausen), Schriftleiter der Zeitschrift "selbstbewußt werden"

Behindert sind Gehörlose nur dann, wenn Hörende in Aktion treten. Für Gerhard Wolf ist Gehörlosigkeit eine Kultur. Kultur ist das Ergebnis der geistigen und seelischen Entwicklung eines Menschen. Der Kultur der Gehörlosen ging die Abqualifizierung und der Spott über die Gebärden voraus. Gehörlose haben sich zu ihrer Kultur befreit.


Gerhard Wolf sieht eine große Chance für die Lautsprachanbahnung, wenn sie durch Gebärden flankiert werden. Er fordert eine multisensorische Vorgehensweise für die Eltern von gehörlosen Kindern, bei der nicht, wie in der hörgerichteten Erziehung partikulär gehandelt wird, sonder ganzheitlich.


Prof. Dr. Gottfried Diller
Prof. Dr. Gottfried Diller (Friedberg), Leiter des Cochlear-Implant-Centrums Rhein-Main

Kultur ist ein ständig sich vollziehender Prozeß, meint Gottfried Diller. Gehörlosigkeit ist darum an sich keine Kultur. Ein Kind wird ohne Kultur geboren. Kultur muß sich jeder Mensch erst im Laufe seines Lebens wieder und wieder aneignen.


Grundlage der Kultur ist zum Einen das, was ich von meinen Anlagen her mitbringe und zum Anderen das, was mir meine Umwelt anbietet.


Die gegenwärtige Diskussion ist festgelegt. Kultur hingegen ist offen. Gottfried Diller fordert dagegen ein "offen bleiben" für die Kultur der Zukunft. Die Kultur ist genauso Wandlungen und Anderen unterworfen, wie auch die Sprache selbst.


Dr. Ulrike Gotthardt
Dr. Ulrike Gotthardt (Lengerich), Ärztin an der Westfälischen Klinik für Psychiatrie und Neurologie, Vertreterin des Deutschen Gehörlosenbundes

Ulrike Gotthardt ist selbst taub geboren. Sie wuchs mit Gebärdensprache und gleichzeitiger lautsprachlicher Förderung auf und besuchte die Regelschule mit rein lautsprachlicher Kommunikation. Ihre Erfahrung aus dieser Lebensgeschichte ist, daß Kommunikation nicht mit "gut sprechen können" gleichgesetzt werden kann. Kommunikation bedeutet vielmehr Verstehen und die soziale und emotionale Teilnahme an der Gesellschaft. Genau das hat sie - und haben andere Gehörlose - nicht erfahren. Den CI-Kindern wird es oftmals nicht viel anders ergehen - sie bleiben schließlich hörbehindert.


An der Schule werden sie etwas hören können, aber nur wenig dabei verstehen. Sie werden gut sprechen können und damit ihre Integration vortäuschen. Tatsächlich aber werden sie behindert sein.


Damit man in unserer Gesellschaft nicht behindert ist (oder wird), braucht man alle Kommunikation. Ulrike Gotthardt, aufgewachsen und arbeitend in der Welt der Hörenden, fühlt sich kulturell nur unter Gehörlosen in der Gebärdensprachgemeinschaft zu Hause.


Christiane Hartmann-Börner
Oberstudienrätin Christiane Hartmann-Börner (Hamburg), Bundesvorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Hörgeschädigtenpädagogen (BDH)

Gehörlosigkeit definiert sich heute nicht mehr nach dem Hörverlust in Dezibel. Gehörlos ist, wer die Lautsprache nicht über das Ohr wahrnehmen kann und darum auf die Gebärdensprache ausweichen muß. Die Zahl der Gehörlosen nach dieser Definition ist aufgrund der Früherkennung, der damit verbundenen Frühförderung und der neuen verbesserten Hörhilfen (zu denen auch das CI gehört) rückläufig.


Die moderne Präventionspädagogik arbeitet ganzheitlich. Sie ist auf das jeweilige Kind individuell abgestimmt. Christiane Hartmann-Börner faßt das in dem Schlagwort zusammen: "Weg von der Methode, hin zum Kind". Ein Kind, das auf diese Weise hören gelernt hat, wird die Lautsprache als primäre Sprache benutzen. Ziel ist es immer, die Auswirkungen von Hörschädigungen zu minimieren. Das CI ist in diesem Sinne eine gute Hörhilfe, die dieses Ziel unterstützt.


Die Gehörlosenkultur ist eine Folge der Behinderung. Dennoch soll die Gehörlosengemeinschaft erhalten bleiben. Sie wird aber in Frage gestellt, wenn die Gehörlosen die auditiv erzogenen Kinder ablehnen.


Frau Hartmann-Börner befürwortet ein Angebot von Gebärden im Unterricht ab der Mittelstufe, damit auch auditiv erzogene Kinder Gebärdensprachkompetenz erhalten.


Hanna Hermann
Hanna Hermann (Illertissen), Redaktion "Die Schnecke"

Hanna Hermann zitiert zu Beginn H.Keller: ‚Taubheit trennt von den Menschen'. Diesem Ausspruch stimmt sie voll zu. Gehörlosigkeit ist keine Kultur, sondern eine Behinderung. In ihrem Leben hat sie drei Stufen in der Hörerfahrung durchgemacht: schwerhörig - gehörlos - CI. Jetzt, mit dem CI, geht es ihr am besten.


Wenn Gehörlose darauf bestehen, daß ihre Gehörlosigkeit eine Kultur sei, dann sollten sie auch auf die Vorteile, die ihnen der Behindertenstatus einbringt (durch Behindertenausweis) verzichten.


Franz Hermann
Franz Hermann (Illertissen), Vorsitzender der Deutschen Cochlear Implant Gesellschaft e.V. (DCIG)

Franz Hermann verweist auf die Geschichte von der Heilung eines Taubstummen durch Jesus und meint dazu, dies sei (zumindest im übertragenen Sinne) die Geschichte von der ersten Einsetzung eines CI. Gehörlosigkeit ist eine Behinderung. Und Christus hat durch seine Wunder eindrucksvoll demonstriert, daß man seine von Gott gegebene Behinderung sehr wohl ändern darf und soll.


Pfarrer Benno Weiß
Pfarrer Benno Weiß (Siegen), Landesbeauftragter für Evangelische Gehörlosenseelsorge der Evangelischen Kirche in Westfalen, Mitautor des DAFEG-Papiers

Erst durch die Gebärdensprache kann es uns gelingen, die Kultur der Gehörlosen emphatisch (einfühlend) wahrzunehmen. Über Jahrzehnte war in der Kirche (auch in der Gehörlosenseelsorge) der verkündete Gott immer ein hörender Gott. Seit den 90er Jahren ist Gott, wie er in der Gehörlosenseelsorge verkündet wird, ein Gott, der auch in der eigenen Sprache begegnet. Gehörlosenseelsorge ist somit ein Teil der Befreiungstheologie geworden.


Die Gehörlosengemeinden werden immer selbstbewußter. Gehörlose übernehmen immer mehr selbst Verantwortung in und für ihre Gemeinden. Aus einer karitativ betreuten Randgruppe ist so eine Vielzahl eigenständiger Gemeinden geworden.


Andreas Kammerbauer
Andreas Kammerbauer MdL (Hochheim), Bundesarbeitsgemeinschaft Hörbehinderter Studenten und Absolventen e.V. (BHSA), Mitglied des Hessischen Landtages (B90/Die Grünen)

Für Andreas Kammerbauer ist die bisherige Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern des CI und Befürwortern und Gegnern der Gebärdensprache sehr fruchtlos. Auf diesem Weg scheint kein Fortkommen möglich zu sein. Er schlägt deshalb ein Mediationsverfahren vor, wie es bei anderen kontroversen Diskussionen im Bereich politischer Entscheidungen oftmals schon erfolgreich angewendet worden ist.


Prof. Dr. Dr. Lenhardt
Prof. Dr. Dr. Lenhardt (Hannover), Geschäftsführer der Deutschen Cochlear Implant Gesellschaft e.V. (DCIG)

Prof. Lenhardt vertritt die Ansicht, daß Gehörlose grundsätzlich nicht mit dem CI implantiert werden. Gehörlose sind Menschen, die taub geboren wurden oder prälingual ertaubt sind und ohne die Fähigkeit zu hören aufgewachsen sind. Heute werden die Menschen so früh implantiert, daß dadurch das "Gehörlos-werden" verhindert werden kann.