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2000 Jahre Christenheit - Teil 7

Mit dem Beginn des Jahres 2000 blickt die Christenheit auf 2000 Jahre Geschichte zurück. Jedenfalls ungefähr. Denn der Zeitpunkt der Geburt Jesu steht nicht genau fest. Außerdem beginnt die Geschichte der Christenheit auch schon vor der Geburt Jesu. Denn ohne die – damals schon über tausendjährige – Geschichte der Israeliten wäre die Geschichte von Jesus nicht zu denken. Man könnte aber auch sagen, dass die Zeit der Christenheit erst mit der Auferstehung von Jesus und der Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten beginnt, sozusagen mit dem Geburtstag der Kirche. Aber wir wollen in den nächsten Ausgaben von UNSERE GEMEINDE über die 2000 Jahre der Geschichte unseres Glaubens berichten, die mit der Geburt Jesu begann. Jeder der zehn Artikel wird also von ungefähr 200 Jahren Geschichte berichten. Kurz und knapp – und ganz bestimmt nicht vollständig. Wir wünschen Ihnen, dass unsere Geschichtsreihe Ihnen Spaß macht und viele interessante Informationen bringt.


Ein politisches Kapitel: Die Macht der Kirche

Ein Thema durchzieht das ganze Mittelalter: Der Einfluss der Kirche auf die Politik. Die Päpste verbieten sich jede politische Einmischung in die Kirche. Umgekehrt aber fordern sie, dass sie selbst den Kaiser bestimmen und auch absetzen können. Als Grund geben sie an: Die Kirche vertritt Gottes Willen auf dieser Welt, dem müssen auch die Kaiser gehorchen.
Franz von Assisi besucht Kranke in einem Hospiz (Krankenhaus)Für uns sind solche Gedanken sehr fremd. Aber im Mittelalter suchen die Menschen die große Einheit: Der christliche Glaube zeigt die Wahrheit nicht nur für die Kirche, sondern für das ganze Leben. Die Politiker sollen nicht nur „Sachzwängen“ gehorchen, sondern Gottes Willen folgen. Eine gute Idee! Aber die große Einheit klappt überhaupt nicht. Die Päpste versuchen, Einfluss, Macht und Reichtum zu vermehren. Sie sind machtgierig und egoistisch – schlechte, gefährliche Politiker. Von Gottes Geist, von seiner Liebe und von der Bescheidenheit Jesu ist nichts zu merken.
Manchen Christen gefällt das nicht. Sie lesen in der Bibel: Jesus und seine Freunde (die Jünger) waren arm. Jesus hat gesagt: „Man kann nicht zugleich Gott und Geld dienen.“ Jesus wollte keine politische Macht. Er forderte vollkommene Liebe.
Diese Menschen kritisieren die Kirche – nicht, weil sie ungläubig sind oder bestimmte Glaubenssätze ablehnen. Die Menschen kritisieren den Reichtum und die Macht der Kirche. Eine Kirche, die nach Einfluss und Geld strebt, ist keine Kirche im Sinne Jesu Christi. Die wahren Christen müssen auf Macht und Geld verzichten. Sie leben arm und bescheiden und suchen Vollkommenheit in der Liebe – so wie Jesus.
Wappen der Waldenser. Die Aufschrift bedeutet: Das Licht leuchtet in der FinsternisDiese Menschen leben in kleinen Gemeinschaften zusammen. Viele Frauen sind dabei. In einigen Gemeinschaften dürfen sie auch predigen – unvorstellbar in der katholischen Kirche von damals! Sie teilen ihren Besitz und ihr Geld. Es sind die Albigenser (nach der südfranzösischen Stadt Albi), Waldenser (nach ihrem Begründer, dem Kaufmann Valdes), Beginen und Begarden. Papst Innocenz III (1198-1216) sieht die Gefahr, die der Kirche durch die „Armutsbewegung“ droht und verfolgt sie darum grausam. Er ruft einen „Kreuzzug“ gegen diese Christen aus. Viele tausend Menschen – vor allem in Südfrankreich – werden dabei ermordet.
Trotzdem wird die Forderung nach einem bescheidenen, armen Leben in der Kirche immer stärker. Am Anfang des 13. Jahrhunderts gelingt die Integration (= Gemeinschaft) von Armut und Kirche: Zwei neue Mönchsorden entstehen. Es sind die Franziskaner (Gründer: Franz von Assisi, 1181-1226) und die Dominikaner (Gründer: Dominikus, 1170-1221). Beide sind so genannte „Bettelorden“, das bedeutet: Die Mönche und Nonnen dürfen kein Geld besitzen. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt nur durch Betteln.
Warum wollen Menschen arm sein? Warum wollen sie betteln, frieren, hungern? Ein Grund ist das Leben von Jesus Christus. Er hat einmal zu einem reichen jungen Mann gesagt: „Verkaufe alles, was du hast und komm und folge mir!“ Die Armutsbewegung will mit dem Glauben an Jesus Christus ernst machen: Nicht nur fromme Gedanken, sondern „Nachfolge“, d. h. so leben wie Christus. Der andere Grund ist, dass die Menschen spüren: Geld verdirbt den klaren Glauben. Geld bindet mich an unwichtige Dinge. Ich denke viel über Besitz nach, über Zukunftssicherung usw. Wenn ich es schaffe, auf diese Dinge zu verzichten, dann bin ich wirklich frei. Dann wird mein Glaube einfacher und klarer.
Im Jahr 1215 gibt es ein großes Konzil (= [Kirchen-]Versammlung) in Rom. Papst Innocenz III bestätigt die Bettelorden. Wer nun die Kirche wegen ihres Reichtums kritisiert, der kann in einen dieser Orden eintreten. Das ist eine große Chance für die Kirche.


Ein grausames Kapitel: Die Inquisition

Ein Inquisitionsgericht. Ganz oben sitzt der Leiter des Gerichts mit sechs Beisitzern. Rechts sind zwei Häretiker fast nackt an einen Pfahl gebunden.Aber es ist auch eine große Gefahr: Wer nun immer noch Kritik an der Kirche übt, der wird grausam verfolgt. Der Dominikaner-Orden ist im ganzen Mittelalter die treibende Kraft für die Inquisition (lateinisch = Verhör, Untersuchung). In allen Ländern Europas steht auf „Unglauben“ die Todesstrafe. So wie es heute noch in manchen Ländern für Mord die Todesstrafe gibt. Aber Unglaube, das bedeutet im Mittelalter nicht nur gottlos oder eine anderen Religion, sondern es sind Christen, die nicht genau so glauben wollen oder können, wie es die Kirche sagt. Die Inquisition arbeitet mit systematischer Folter. Das bedeutet: Oft werden Geständnisse durch Folter erzwungen. Hat ein Mensch dann seinen „Unglauben“ gestanden, so wird er öffentlich als „Ketzer“ verbrannt.
Viele viele tausend Menschen sind durch die Inquisition zu Tode gekommen. Sie alle waren unschuldig, denn ein „falscher“ Glaube ist keine Schuld. Es ist eines der größten Verbrechen der Kirche, dass sie die Inquisition eingeführt und grausam durchgeführt hat.
Wie war das möglich? Es war die allgemeine Überzeugung im Mittelalter, dass es nur eine einzige Wahrheit geben kann: Die Wahrheit der Kirche. Jeder Widerspruch musste daher Unheil bedeuten, Werk des Teufels. Zum Wohl der ganzen Christenheit sollte dieses Teufelswerk ausgerottet werden. Ein grausames Missverständnis von der Liebesbotschaft Jesu.


Ein geheimnisvolles Kapitel: Die Mystik

Neben der Armutsbewegung gibt es noch eine andere wichtige Entwicklung in der mittelalterlichen Kirche: die Mystik. Das Wort Mystik kommt aus dem Griechischen und bedeutet (die Augen und den Mund) schließen.
In der Mystik suchen Menschen eine direkte Erfahrung mit Gott im Gebet. Sie schließen den Mund, wenn sie beten, denn – und das ist das Wichtigste – sie beten ohne Worte, ja: ohne Gedanken.
Der "Kosmomensch" aus dem Buch der Gotteswerke von Hildegard von BingenDie Mystikerinnen und Mystiker wollen nicht mit Gott reden. Sie wollen ihn um nichts bitten, sondern sie wollen aufmerksam werden für das, was Gott ihnen sagt und gibt. Und sie merken: Gott ist immer schon da. Bevor ich rede. Bevor ich denke. Alle Worte, ja: jeder Gedanke zerstört das, was Gott in Wirklichkeit ist.
Gott kann man gar nicht (mit Worten und Gedanken) begreifen. Man kann ihn nur lieben. Man kann sich ihm anvertrauen. Und dafür braucht man keine Worte. Denn Gott selbst redet nicht mit Worten. Er ist einfach da – im Schweigen. Darum üben die Mystiker das Schweigen, um so Gottes Schweigen zu erfahren.
Zuerst sind es Frauen (Nonnen): In einigen Frauenklöstern in Süd-deutschland beginnt die mystische Bewegung. Diese Frauen suchen nicht große Begriffe und Worte, sondern sie suchen eine persönliche Erfahrung Gottes.
Gelehrte Theologen werden dorthin geschickt. Sie sollen den Frauen predigen, damit sie ihre „verrückten Ideen“ aufgeben. Einer von ihnen ist Meister Eckart (ca. 1260-1328), ein anderer Johannes Tauler (ca. 1300-1361). Aber beide bekämpfen die neue Frömmigkeit nicht, sondern sie werden von den Frauen „angesteckt“. Sie entdecken die tiefe Wahrheit und den Wert des Schweigens und der Gotteserfahrung. Und sie entwickeln eine ganz neue Theologie. Denn wie kann man Gott erfahren? Er ist ja nicht eine „Sache“ wie die Sonne oder eine Person wie ein Mensch.
Meister Eckart sagt: „Wer irgend etwas sucht oder wünscht (Besitz, Ehre, Gesundheit), der sucht und wünscht nichts wirklich Wichtiges. Aber wer nichts sucht und nichts wünscht – nur einfach Gott –, dem gibt Gott alles, was er verborgen hat in seinem göttlichen Herzen.“ Gott ist also nur dann da, wenn der Mensch nichts will. Und Tauler sagt: „In dir selbst ist ein Abgrund. Wenn du ihn im Schweigen berührst, dann verliert sich der Geist so tief, dass er von sich selber nichts (mehr) weiß: kein Wort, keine Form, keine Empfindung, kein Gefühl, keine Erkenntnis, keine Liebe. Alles ist rein und einfach Gott, ein unaussprechlicher Abgrund, ein Geist.“
Die Predigten von Eckart und Tauler sind heute wieder hoch aktuell. Viele Christen suchen genau so wie die Frauen damals nicht nur Worte und (gute) Taten, sondern eine wirkliche, tiefe Erfahrung Gottes. Die Mystiker waren ihrer Zeit weit voraus. Erst heute werden sie wieder entdeckt.
Damals ist die Kirche der Mystik gegenüber ablehnend. Eckarts Gedanken werden vom Papst verurteilt. Er selbst soll zu einem Verhör nach Avignon kommen. Aber er stirbt unterwegs auf der Reise. So muss er selbst seine Gedanken nicht widerrufen. Aber nach seinem Tod werden einige wichtige Sätze von ihm verurteilt. Und Tauler, der das Schicksal Eckarts kennt, passt immer sehr auf. Er formuliert seine Gedanken sehr vorsichtig, damit er nicht auch von der Inquisition verfolgt wird.


Roland Krusche

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